Engagement Lehrende

Studierende haben schon eine Vielzahl von Lehrenden erlebt. Sie „riechen“, wer sie willkommen heißt, wer an ihrer Entwicklung interessiert ist und wer für sein Fachgebiet „brennt“. Von diesen Lehrenden kann man sich viel erhoffen – was von der Lernforschung bestätigt wird.

Lehrende sind nicht nur Lernhelfer und Organisatoren. Die Erforschung der Spiegelneuronen bestätigt, dass eine Resonanz zwischen Lehrenden und Lernenden entsteht: Motivierte Lehrer motivieren ihre Teilnehmer, Teilnehmer lernen Inhalte von Lehrern, welche diese Inhalte auch verkörpern (Siebert, 2012).

„Interessant ist, dass der Steuerung durch andere auch im Zusammenhang der Selbststeuerung große Bedeutung beigemessen wird. Dabei stützt man sich auf WYGOTSKIS Theorie der Internalisierung, die annimmt, dass alle psychologischen Prozesse ursprünglich sozialer Natur sind, d.h. zwischen Personen ablaufen, und die zunächst interpersonale Struktur des Denkens durch Erfahrung in einer intrapersonale transformiert wird. Danach sind für einen Lernenden die sozialen Situationen besonders lernintensiv, in denen er mit Experten in einem Problemlösungsbereich interagiert“ (Bönsch, 2010).

Studierende entwickeln im Verlauf des Studiums einen akademischen Habitus. Dafür brauchen sie Rollenmodelle und finden diese in den Lehrenden der Hochschule. Die Vorbildfunktion der Dozenten für Sprache, Fachkompetenz und Engagement ist nicht zu unterschätzen. So interessieren sich Studierende besonders für etwas, wenn sie spüren, „dass die Lehrperson selbst von der Sache überzeugt ist und eine echte Botschaft hat. Also dann, wenn ich merke, dass da ein Mensch mit mir spricht, der das Anliegen hat, mir etwas Wichtiges nahezubringen“ (Müller, 2007). Dabei nehmen Studierende teils unbewusst Signale auf, die Lehrende durch Körpersprache, Sprachmodulation, Wertschätzung für das Thema und Engagement außerhalb der Veranstaltung zu erkennen geben.

Nehmen Sie Ihre Rolle als „akademischer Sozialisationsagent“ ernst.

Hinweise:

Die Vorbereitung und Durchführung von Lehrveranstaltungen sind recht sachliche Vorgänge. Keine Modulbeschreibung fordert ausdrücklich bei den Studierenden auszulösende Emotionen. Da die Teilnehmer in der Regel jedoch nicht die Relevanz des Themas für die spätere Tätigkeit abschätzen können, benötigen sie anderweitige Orientierung (z. B. ob der Lehrende sich mit dem Fach identifiziert oder für ein Thema „brennt“). Machen Sie sich den Ansteckungscharakter von Emotionen zu Nutze und stellen Sie sich die im akademischen Kontext unübliche Frage: „Was fasziniert mich an meinem Forschungs- und Lehrthema?“ Nehmen Sie diese positive Stimmung mit in die Lehrveranstaltung und „infizieren“ Sie die Teilnehmer. Deuten Sie langweilige oder schwer verständliche Themen um (z. B. „Heute werde ich Sie an Ihre Leistungsgrenzen führen. Sie werden mit dem Stoff hadern, mit sich selbst kämpfen und gelegentlich verzweifeln. Doch am Ende der Veranstaltung werden Sie wieder ein Stück größer geworden sein“).

Suchen Sie nach Lücken für Spannung, Leidenschaft, Gefühl und Enthusiasmus in Ihren Lehrveranstaltungen.

1968 führten die Forscher ROSENTHAL und JACOBSON Intelligenz- und Gedächtnistests bei Schülern durch und wiesen anschließend die Lehrenden auf „bald aufblühende“ Schüler hin (Schüler mit überdurchschnittlich guten Ergebnissen in den Tests, bisher jedoch nur durchschnittlichen Noten). Ungefähr 40 % der „bald aufblühenden“ Schüler machten innerhalb eines Schuljahres gewaltige Leistungsfortschritte. Der Haken: die Testergebnisse der „bald aufblühenden“ Schüler waren nicht überdurchschnittlich gut. Es waren durchschnittliche Schüler und die häufige Leistungssteigerung resultierte aus der provozierten Erwartung der Lehrenden (Rosenthal & Jacobson, 1968). Dieser „Versuchsleitereffekt“ wird im Alltag auch als „selbsterfüllende Prophezeiung“ bezeichnet und löst eine ganze Reihe von positiven Impulsen auf Seiten der Lehrenden aus (Chaikin, Sigler, & Derlega, 1974):

  1. häufigeres Fragen der Schüler; Geben von mehr Zeit für die Beantwortung der Fragen; weniger Unterbrechungen der Antworten der Schüler
  2. Geben von mehr Hilfestellungen zur Lösung von Aufgaben
  3. Zeigen von nonverbalen Ermunterungen (Lächeln, Zunicken, häufiger Augenkontakt, direktes Anschauen)

Hinterfragen Sie daher Ihre Erwartungen an die Studierenden und versuchen Sie, Studierende auf eine optimistisch-realistische Art wahrzunehmen. Lehrer zu sein, bedeutet schließlich auch, „für immer Optimist zu sein“ (Philip Bigler, „Teacher of the year“, 1998).

Die äußere Haltung wird von Teilnehmern immer auch als eine innere Haltung verstanden. Sitzen kann somit als Passivität oder Verstecken interpretiert werden. Sitzen Sie nicht, sondern stehen Sie und bewegen Sie sich in der Vorlesung – erobern Sie die Bühne. Das gleiche gilt auch für Studierende, die ein Referat halten sollen.

Der folgende Fragebogen bildet einen von sieben Grundsätzen „guter Praxis in der Hochschullehre“ (Winteler, 2004) ab. Dem Ziel, die Lehre zu verbessern, kommt der Fragebogen dann am nächsten, wenn die Antworten ein ehrliches Bild des individuellen Lehrverhaltens wiedergeben und daraus Hinweise für die Verbesserung der individuellen Lehre abgeleitet werden.

Der Fragebogen soll Ihnen Hinweise geben, an welchen Stellen es sich lohnt, die eigene Lehre zu entwickeln. Besonders die Punkte, die Sie mit „nie“ oder „selten“ bewerten, könnten hierfür Ansatzpunkte darstellen.

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