Verständlichkeit

„Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann“ (Winston Churchill).

Und förderlich für die „Verdauung“ des Stoffs sind die Verständlichmacher: Einfachheit, Struktur, Prägnanz und Anregung (Schulz von Thun, 1981).

Experten zeichnen sich durch verdichtetes Wissen, exakte Begriffsverwendung und die Fähigkeit aus, komplexe Zusammenhänge zu erkennen. In der Lehre können jedoch solche Merkmale für das Lernen der Studierenden hinderlich sein. JÜRGEN MITTELSTRASS (1999) wies in dem Zusammenhang auf einen drohenden, dysfunktionalen Habitus von Experten hin: „Das Einfache (auch in der Sprache) erscheint als der Feind der eigenen Bedeutungsvermutung. Das aber bedeutet: Der Ausweis der Wissenschaftlichkeit erfolgt hier durch den (rettenden) Nachweis der Unverständlichkeit.“

Studierende als Novizen eines Fachgebiets benötigen Unterstützung und Orientierungshilfen. Lehrende müssen daher nicht nur Inhalte, sondern auch Fasslichkeit und Zugänglichkeit zum Thema der Lehrveranstaltungen herstellen.

Hinweise:

Hochschullehrer gehören einem exklusiven Kreis der Gesellschaft an und unterstreichen diese Zughörigkeit durch Verwendung disziplin-spezifischer Begriffe, Ausdrucksweisen und Abkürzungen. „Das ist präzise und effizient. Doch viel zu häufig basteln Professoren unnötigerweise Schachtel- und Bandwurmsätze, verwenden hässliche Substantivierungen und unbekannte Fremdwörter“ (Greiner & Ott, 2014).

Interessanterweise neigen Studierende in der Regel nicht zur Abwehr oder Thematisierung der sprachlichen Eskapaden. Die langjährige schulische Sozialisation erlaubt es Studierenden, auch in Lehrveranstaltungen ohne erkennbare Sinnhaftigkeit auszuharren. Einige Studierende eifern Hochschullehrenden, die sich als „Folterknechte der deutschen Sprache“ ausgezeichnet haben nach. In Befragungen von Studierenden geben über 85 % zu, bei der Wortwahl in Aufsätzen darauf zu achten, möglichst kompliziert klingende Begriffe zu verwenden, um einen intelligenten oder validen Eindruck zu interlassen. Zwei Drittel der Studierenden nutzt die Thesaurus-Funktion des Schreibprogrammes, um ihren Text mit Fremdwörtern „aufzuhübschen“ und damit ihrer Arbeit einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Interessanter Weise reagieren Hochschullehrende auf diese unnötige Komplexität zumeist mit einer schlechteren Benotung, unabhängig vom inhaltlichen Wert dieser Arbeit (Oppenheimer, 2006).

Versuchen Sie daher, eine gute Mischung aus Fachsprache und Verstehbarkeit zu finden und weisen Sie Ihre Studierenden darauf hin, auch in den eigenen Arbeiten präzise und direkte Aussagen in einfachen, fachüblichen Worten zu formulieren.

In dem komplexen Lehr-Lern-Prozess muss der Lehrende um Formulierungen ringen, auf die Signale der Studierenden reagieren und den „roten Faden“ im Auge behalten. Die Aufmerksamkeit ist dadurch überwiegend erschöpft. Die Art zu sprechen wird in der Regel unbewusst gesteuert und über viele Jahre „eingeschliffen“. Und obwohl es Hochschullehrer meist nicht bezwecken, vermitteln sie die Bedeutsamkeit des Themas durch Ihre Art zu sprechen:

  1. Sprechen Sie in angemessener Redegeschwindigkeit und variieren Sie die Sprechgeschwindigkeit. Sollen Studierende mitschreiben, sprechen Sie entweder langsam, wiederholen das Gesagte oder schreiben zusätzliche Informationen lesbar an die Tafel.
  2. Prüfen Sie, ob Sie klar und laut genug sprechen.
  3. Betonen Sie wichtige Punkte, Begriffe und Erklärungen, indem Sie die Stimme anheben.
  4. Legen Sie rhetorische Fragen und Pausen ein.
  5. Reagieren Sie auf zu hohen internen Lärmpegel. Reduzieren Sie die Lautstärke Ihrer Stimme oder richten Sie durch Schweigen die Aufmerksamkeit auf den Unruheherd.

Es empfiehlt sich dringend, sich in der Lehre einmal von außen zu beobachten – durch Videomitschnitt oder durch Rückmeldungen eines vertrauten Kollegen, den Sie um eine Teilnahme in Ihrer Lehrveranstaltung gebeten haben.

Einen Sachverhalt verständlich zu erklären, stellt eine Kernkompetenz von Lehrenden dar. Die Qualität der Erklärungen wird dabei von der Klarheit der Lehrenden bestimmt. In Untersuchungen wird diese Klarheit als einer der stärksten Faktoren für das Lernen der Teilnehmenden identifiziert (Hattie, 2009). Lehrende wirken auf die Studierenden als „klar“, wenn vier Aspekte erfüllt sind:

  • akustisch - Verstehbarkeit
  • sprachlich - Prägnanz
  • inhaltlich - Kohärenz
  • fachlich - Korrektheit (Helmke, 2009)

Darüber hinaus liegt es in der Natur von Präsenzveranstaltungen, dass über die Interaktion von Lehrenden und Studierenden Unklarheiten deutlich werden und spontane Erklärungen von den Dozenten gefordert werden. Für vorbereitete und spontane Erklärungsversuche helfen Ihnen die folgenden Aspekte zur Förderung der Verständlichkeit.

Es ist unumstritten, dass Visualisierungen den Lernerfolg fördern können. Nur unter den Extremen „keine Visualisierung“ und „übertriebene Visualisierung“ kann der Lernerfolg leiden. Werden Visualisierungen moderat eingesetzt, fallen Orientierungspunkte besser auf oder können einfacher hervorgehoben werden. Stellen Sie besonders komplexe Informationen und Erklärungen visuell dar, beispielsweise durch Zeichnungen, Diagramme, Mindmaps, Folien. Schreiben Sie daher zentrale Begriffe und Themen an, formulieren Sie verständliche und klare Überschriften, versuchen Sie, ein klares Tafelbild, klare Folien und klare übersichtliche Präsentationen einzusetzen - immer mit dem Hintergrund, durch die Visualisierung den Studierenden Struktur und Orientierung zu bieten. Führen Sie durch die Grafik (z. B. mit Laserpointer oder durch Aufdeck-Animationen).

Benutzen Sie konkrete, anschauliche, passende und damit gut erinnerbare Beispiele zur Konkretisierung der behandelten Theorien:

  1. Verwenden Sie reale und fiktive Beispiele.
  2. Verdeutlichen Sie Theorien durch Beispiel und Gegenbeispiel.
  3. Greifen Sie Erfahrungen der Studierenden auf.
  4. Verwenden Sie Beispiele aus dem späteren Berufsleben.
  5. Verwenden Sie Beispiele aus der Forschung.
  6. Verwenden Sie Beispiele aus der Lebenswelt.
  7. Laden Sie Praktiker in Ihre Lehrveranstaltung ein.

Widersprüche und Streitigkeiten fördern das Wissenschaftsverständnis der Studierenden und können die Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand ziehen. Zeigen Sie unterschiedliche Positionen aus der wissenschaftlichen Literatur auf, nähern Sie sich einer Fragestellung aus den unterschiedlichen Perspektiven oder laden Sie Praktiker oder Kollegen mit unterschiedlichen Standpunkten ein. Auch die Studierenden selbst können theoriewiderlegende oder -bestätigende fiktive Belege eruieren („Welche Befunde könnten der Theorie widersprechen oder sie belegen?“). Um den wissenschaftlichen Diskurs für die Studierenden erlebbar zu gestalten, kann es auch hilfreich sein, Persönliches aus der Biografie der Autoren zu präsentieren.

Der folgende Beobachtungsbogen enthält Auszüge aus den „zehn Merkmalen guten Unterrichts“ (Meyer, 2004). Dem Ziel, die Lehre zu verbessern, kommt der Beobachtungsbogen dann am nächsten, wenn die Antworten ein ehrliches Bild des individuellen Lehrverhaltens wiedergeben und daraus Hinweise für die Verbesserung der individuellen Lehre abgeleitet werden.

Die Checkliste soll Ihnen Hinweise geben, an welchen Stellen es sich lohnt, die eigene Lehre zu entwickeln. Besonders die Punkte, die Sie mit „trifft nicht zu“ oder „trifft eher nicht zu“ bewerten, könnten hierfür Ansatzpunkte darstellen.

Download Checkliste

 

Der folgende Beobachtungsbogen enthält Merkmale aus den vier Dimensionen der Verständlichkeit (Einfachheit, Struktur, Prägnanz und Anregung) von Schulz von Thun. Vielleicht ist der Bogen neben der Selbsteinschätzung auch (in Auszügen) eine gute Grundlage für ein strukturiertes Feedback der Studierenden.

Die Checkliste soll Ihnen Hinweise geben, an welchen Stellen es sich lohnt, die eigene Lehre zu entwickeln. Besonders die Punkte, die Sie mit „trifft nicht zu“ oder „trifft eher nicht zu“ bewerten, könnten hierfür Ansatzpunkte darstellen.

Download Checkliste