Aufmerksamkeit

Auch wenn es nicht immer möglich ist, dauerhaft die Aufmerksamkeit der Studierenden auf ein Thema zu lenken, gibt es doch zahlreiche Möglichkeiten, deren Aufmerksamkeit zu gewinnen. Die folgenden didaktischen Überlegungen zählen dazu.

"Der wirklich schwierige Teil der Lehre ist nicht die Organisation und Darstellung der Inhalte, sondern etwas zu tun, dass die Konzentration der Studierenden auf den zu behandelnden Stoff führt“ (Leamson, 2000).

Auch wenn es nicht über ein Semester hinweg zu garantieren ist, dass alle Studierenden zu jeder Veranstaltung die Aufmerksamkeit alleinig auf die Veranstaltungsinhalte richten, erleben Lehrende immer wieder, wie durch überraschende Informationen, provokante Thesen und Abwechslungen gegen aufkommende Langeweile bei den Studierenden angekämpft werden kann.

Hinweise:

Humor ist die Liebe zur kreativen Mehrdeutigkeit. Der Fokus wird von einem Problem (z. B. Verständnisschwierigkeiten oder eine anstehende Prüfung) auf Zusammenhänge gelegt, die im ersten Moment nicht offensichtlich sind. Diese Distanzierung wirkt befreiend und das Aufdecken bisher versteckter Zusammenhänge löst Heiterkeit aus. Für FREUD stellte Humor deshalb auch eine Abwehrstrategie dar.

Dass selbst Wissenschaft nicht frei von Humor sein muss und sogar Themen wie Hochschuldidaktik zum Schmunzeln anregen können, beschreiben die Kollegen um MARC ABRAHAMS in „Der Einfluss von Erdnußbutter auf die Erdrotation“ – gern einzusehen oder auszuleihen in Ihrer hochschuldidaktischen Anlaufstelle (Kontakt).

Und: Humor ist erlernbar. Ein humoreskes Umfeld lässt Menschen sich als tendenziell humorvoll erleben. So lässt sich inzwischen zu den einzelnen Fachgebieten ein „Fachhumor“ finden. Stellvertretend für die Ingenieurswissenschaften sei hier auf die Cartoon-Serie „Dilbert“ verwiesen (englische Homepage, deutsche Homepage). Setzen Sie Cartoons, groteske Erlebnisse, witzige Rückmeldungen von Studierenden und die Missverständnisse des Alltags in Ihrer Lehrveranstaltung ein – durchaus auch selbstironisch, aber nicht sarkastisch oder verletzend.

Wie häufig hören wir uns selbst zu, wie wir Studierende darauf hinweisen, dass wenn man jetzt aufmerksam zuhöre, den Lernstoff im nächsten Semester besser verstehen würde. Dass es sinnvoll sei, semesterbegleitend sich mit den Inhalten auseinander zu setzen und nicht erst in den Tagen vor der Prüfung. Oder dass der behandelte Gegenstand für die spätere Tätigkeit relevant sei.

Dahinter verbirgt sich die Vorstellung von rational handelnden Studierenden, die sachlich, vernünftig, effektiv und nachhaltig handeln. Diese Erwartung wird regelmäßig enttäuscht. Konrad Lorenz schrieb dazu: „Der Mensch ist nur vernunftbegabt, aber noch nicht vernunftgesteuert.“

Verfallen Sie bitte nicht in den Reflex, in der nächsten Seminargruppe die Appelle an die Vernunft zu intensivieren. Ein „mehr desselben ist eine „Lösung, die keine ist und immer mehr desselben bringen, nämlich nichts“ (Watzlawick, 1983). Auch Moralpredigten haben meist nur schwache und kurzzeitige Erfolge (Miller, Brickman & Bolen, 1975). „Die Aufforderung zum Lernen ist für den Lernerfolg irrelevant“ (Schacter, 2001).

An die Stelle von Appelle an die Vernunft und Moralpredigen sollten Zwischenziele, zeitnahe Rückmeldungen durch den Lehrenden oder Aktivitäten der Studierenden treten. Auch Komplimente an die Studierenden in Form von nachvollziehbaren Betonungen von Ressourcen, Stärken und Perspektiven wirken sich förderlich auf das Lernen der Studierenden aus (Miller, Brickman & Bolen, 1975).

Setzen Sie gezielt Methoden zu Verbesserung der Aufmerksamkeit ein.

Die Betonung der Prüfung in Lehrveranstaltungen an Hochschulen wird kontrovers diskutiert. Einerseits verlockt die Erwähnung der Prüfungen als ein „Aufmerksamkeit-Magnet“. Im Beuteschema abschlussorientierter Studierende fest verankert, reißt „Prüfung“ die Augen der Studierenden auf, spitzt die Ohren und lässt Münder offen stehen. Kein didaktisches Feuerwerk der Welt vermag diese Spannung herzustellen.

Andererseits zeigen Untersuchungen, dass Belohnung und Bestrafung nur solang ein gewünschtes Verhalten fördern, wie Belohnung und Bestrafung zu erwarten sind. Auf Prüfungen konditionierte Studierende brauchen demnach die drohenden Leistungsnachweise, um überhaupt zu studieren. Ein langfristiges Interesse am Fachgebiet (innere Verhaltenssteuerung des Studierenden/intrinsisch) kann sogar durch die Orientierung auf Prüfungen (äußere Steuerung der Studierenden/extrinsisch) gehemmt werden. Psychologen sprechen auch vom „korrumpierenden Effekt“ der extrinsischen Motivation (Lepper, Greene & Nisbett, 1973).

Es bleibt nun an dem Dozenten, zwischen den Vor- und Nachteilen der Fokussierung auf Prüfungen abzuwägen. Interessant erscheint schon während der Lehrveranstaltungen die Darstellung von Prüfungsfragen, zu deren Beantwortung Argumentations-, Transfer- oder Denkleistungen notwendig sind und nicht bloße Wissenswiedergabe.

Potentielle oder frühere Prüfungsaufgaben vorzustellen, zu üben und Optimallösungen zu erarbeiten, kann den Studierenden beim Ringen mit dem hohen Anspruchsniveau Ihrer Veranstaltung helfen. Dieses Vorgehen wirkt sich nicht nur auf die Fachkompetenz der Studierenden aus. Sie können damit auch die Selbstwirksamkeit stärken und die emotionale Einstellung zu Ihrem Modul verbessern. Besprechen Sie häufig gemachte Fehler oder lassen Sie Prüfungsfragen durch die Studierenden selbst entwickeln.

Interessant erscheint die Darstellung von Prüfungsfragen im Laufe der Lehrveranstaltung, zu deren Beantwortung nicht die bloße Wissenswiedergabe, sondern auch Argumentations-, Transfer- oder Denkleistungen notwendig sind. Damit können Sie die Wirkung Ihrer Veranstaltung von Auswendiglernen (träges Wissen) in Richtung Fachkompetenz (z. B. Überblick über das Fachgebiet) und Methodenkompetenz (z. B. komplexe Problemlösung, systematisches Planen) weiterentwickeln.

Studentische Referate sind im Sinne des eigenverantwortlichen, aktiven Lernens durchaus sinnvoll. Da es Studierenden jedoch nicht immer gelingt, Spannung oder Aktivität bei den Kommilitonen auszulösen, sind Referate durchaus in der Lage, die Aufmerksamkeit in den Veranstaltungen auf den Null-Punkt zu setzen. Es kann also hilfreich sein, die Referatsdauer deutlich zu senken oder interaktive Komponenten in den Referaten in die Leistungsbeurteilung einfließen zu lassen. Fordern Sie von den Studierenden, dass deren Referate mehr als Literaturwiedergabe sind. Belohnen Sie Ergebnisse, die bei den Zuhörern eigenes Denken und Diskussionen auslösen.